INLIBRIS Gilhofer Nfg.

Zehn Nachlässe
August 2010

 

Die unveröffentlichten Gegenbriefe zu seiner bekanntesten Veröffentlichung
1 Attomyr, Joseph, Homöopath (1807-1856). Korrespondenznachlaß bestehend aus 154 Briefen an den Arzt und Autor. Verschiedene Orte, 1830er und 1840er Jahre. Zusammen 528½ SS. auf 315 Bll. Verschiedene Formate. Mit einigen Beilagen.
  € 15.000
Inhaltsreiche Korrespondenzsammlung des aus Slawonien stammenden Homöopathen der ersten Stunde mit Kollegen vom Fach und interessierten Laien. Joseph Attomyr studierte in Wien bei Emil von Marenzeller und in Budapest bei Josef Müller und wurde, nachdem er sich selbst von Tbc geheilt hatte, vom Wiener Josephinum verwiesen; 1831 ging er nach München, Köthen und Leipzig und lebte von 1839 bis 1845 "in Budapest als berühmter Homöopath" (ÖBL I, 34). Attomyrs "Briefe über Homöopathie" erschienen erstmals 1833 und 1834 und wurden seither mehrfach aufgelegt. Bisher unpubliziert waren die Briefe seiner Korrespondenzpartner an ihn, deren Hauptteil in vorliegender Sammlung im Original überliefert ist. - Attomyrs Korrespondenz mit den 21 Kollegen Bernstein, Claudius, Fleischmann, Gulyas, Gutmann, Ivanovich, Jaekel, Kazinski, Keiller, Melicher, Müller, Necher, Pezval, Sator, Schellhammer, Scholz, Schwarz, Stantzky, Starovessky, Vattenchich und Wirkner sowie mit dem Politiker, Schriftsteller und Phrenologen Gustav von Struve, dem k. k. Kämmerer und Rittmeister und Obergespan des Zipser Komitats Graf Karoly Csaky de Korosszeg et Adorjan, Emmerich Graf Festetics, dem ungarischen Advokaten Trangous sowie der Patientin Julie Szumrak betrifft naturgemäß vorwiegend Fragen zur Homöopathie und zur Behandlung von Patienten sowie zur Verbreitung der homöopathischen Lehre und der Tätigkeit des "homöopathischen Vereins", d. i. der 1829 gegründete Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte. Wilhelm Fleischmann (um 1789-1868) etwa, einer der damals angesehensten homöopathischen Ärzte Wiens, beantwortet Attomyrs Frage "über die Therapie de[s] Typhus abdominalis" (Br. v. 11. III. 1840), und der böhmische Arzt Georg von Necher - der die Homöopathie in Neapel einführte und den Herzog von Bourbon heilte - dankt für eine "mir zugedachte Auszeichnung" (Br. v. 18. II. 1836; gemeint ist ein homöopathisches Diplom); Gordianus Jaekel, Chirurg und Ober-Arzt im Konvent der Barmherzigen Brüder in Erlau, schildert mehrere Krankengeschichten und schlägt eine Lehrkanzel für Homöopathie an der Pester Universität vor, sein Brief v. 31. III. 1833 schildert zudem sehr ausführlich einen interessanten Fall von Mesmerismus. Sehr umfangreich ist Attomyrs Korrespondenz mit seinem Lehrer Josef Müller (1773-1852) in Budapest, von dem hier 13 eh. Briefe erhalten sind. - Die Briefe sind mehrheitlich in gutem Zustand, in den Faltungen teils alt verstärkt. Beiliegend jeweils ms. Zusammenfassungen bzw. Zitate a. d. Briefen a. d. Hand eines früheren Besitzers dieser umfangreichen Sammlung; die meisten Briefe vollständig, einige wenige fragmentarisch; der Brief Gustav von Struves auf einem hektographierten Schreiben des Phrenologen Eduard Hirschfeld (1806-1845) an Attomyr betr. einer Mitwirkung an der "Zeitschrift für Phrenologie". - Unter den zahlreichen Beilagen verdient ein Brief von Dr. Haubold an Samuel Hahnemann sowie eine Abschrift von dessen Antwortschreiben besondere Erwähnung.
  ¶ Joseph Attomyr, Briefe über Homöopathie. Reprint der Gesamtausg. 1833-1834. Euskirchen, Verlag Homöopathisches Wissen, 1998 (= Klassische Werke der Homöopathie, Bd. 6).
 

In meine Auswahl

"Wir haben endlich die neue Methode, an der wir so lange arbeiteten perfektioniert"
2 Cori, Carl Ferdinand und Gerty Theresa, Nobelpreisträger für Medizin 1947. Sammlung von 163 (147 eigenh. und 14 ms.) Briefen und Postkarten von Carl Ferdinand sowie 70 meist eh. Briefe und Postkarten von Gerty Theresa Cori. Verschiedene Orte, 1920-1954. C. F. Cori 379 (davon 21 a. d. Hand seiner Gattin) SS.; G.T. Cori 201 (davon 2½ a. d. Hand ihres Gatten) SS. Beiliegend 69 Bll. meist ms. Briefdurchschläge bzw. Telegramme von C. F. Coris Vater C. I. Cori, 243 Bll. Briefe und Postkarten von Dritten an Cori Vater und Sohn sowie 54 Bll. Miscellanea. Verschiedene Formate.
  € 28.000
Unveröffentlichte Korrespondenzsammlung aus dem Nachlaß des Zoologen Carl Isidor Cori (1865-1954), der über mehrere Jahrzehnte hinweg Leben und Werk des berühmten österreichischen Forscherpaars Carl Ferdinand und Gerty Theresa Cori dokumentiert. Die häufig gemeinsam verfaßten Briefe reichen von den ersten Jahren ihrer Tätigkeit im Wien der frühen zwanziger Jahre bis hin zu den Jahren nach der Verleihung des Nobelpreises, den Gerty Theresa Cori als dritte Frau nach Marie Curie und Irène Joliot-Curie für ihre Leistungen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften entgegennehmen konnte. - Nach ihrer Promotion und der Hochzeit mit Carl Ferdinand Cori kam die gebürtige Pragerin 1920 nach Wien, wo sie zwei Jahre lang am Karolinenspital tätig war, ehe sie ihrem Gatten in die USA folgte, der nach einem Jahr in Wien und einem in Graz 1922 ans New Yorker State Institute for the Study of Malignant Diseases in Buffalo berufen worden war. Carl Ferdinand Cori wurde 1931 Professor für Pharmakologie an der Washington University Medical School in St. Louis, später auch Professor für Biochemie; jahrelang an der Seite ihres Gatten als Assistentin tätig, wurden Gerty Theresas Verdienste erst spät anerkannt: 1947 wurde sie schließlich ordentliche Professorin für Biochemie und 1950 wurde sie in den Vorstand der National Science Foundation berufen. - Neben lebensgeschichtlichen Momenten - etwa den Schwierigkeiten, sich nach knapp zehn Jahren in Buffalo nun von neuem in St. Louis akklimatisieren zu müssen oder den "Schwierigkeiten und Gefahren, die mit Tommy?s Kommen verbunden waren", wie es in einem Brief vom 1. IX. 1936 über die Geburt ihres ersten und einzigen Sohns Thomas heißt - ist freilich die Forschung ein zentraler Bestandteil der Korrespondenz: "Karli wird unsere beiden Arbeiten in Rochester vortragen, vor der Cancer Society", heißt es etwa in einem Schreiben vom 30. III. 1927, "über die Größe der Glycolyse in vivo. Wir haben da mit einer ganz neuen Methodik einige neue Daten erhalten u. es scheint als ob die Glykolyse in vivo wesentlich kleiner wäre als in vitro (d. h. verglichen mit den Warburg?schen vitro-Werten). Ich las dieser Tage in der Naturwissenschaft (1927) einen Vortrag den W. hielt u. in dem er eine ganz unangebrachte u. unfaire Bemerkung über unsere Arbeit macht, nämlich sagt daß das Blut vielleicht gestaut war, was aber aus der Arbeit durchaus nicht hervorgeht, im Gegenteil sind gründliche Belege erbracht, daß dies nicht der Fall war. Daher scheinen ihm die Daten 'nicht überzeugend' u. er prüfte sie nach, bestätigte sie u. läßt es so erscheinen als ob er also eigentlich als erster diesen Befund erhoben hätte, was unwahr u. kleinlich ist [...]". Im Oktober desselben Jahres berichtet sie von anderen Versuchen: "Ich arbeite seit Juli an Mäusen u. machte gleichzeitig Versuche mit Vitalfärbung u. Röntgenbestrahlung, die ganz schöne u. interessante Resultate brachte. Karli hat mit riesig geschickten Händen eine Methode der Lebervenenpunktion vervollkommt [!], die sehr interessante Versuche ermöglicht hat [...]" (Br. v. 24. X. 1923). - "Wir haben endlich die neue Methode, an der wir so lange arbeiteten perfektioniert", heißt es unterm 16. II. 1931, "und die Resultate sind sehr befriedigend; eine Reihe neuer Tatsachen in der Muskelchemie kamen ans Licht, einige vielleicht prinzipieller Natur [...]". - Das weitgefaßte Spektrum an Themen und eine sich im Laufe der Jahre verändernde Sichtweise lassen die Korrespondenz der Wissenschaftler zu einer inhaltsreichen Quelle zur Erforschung des Lebens in der Neuen Welt werden: Kurz nach ihrer Ankunft etwa berichtet Gerty Theresa ausführlich über das Leben des amerikanischen Mittelstandes, wo selbst "der kleinste Mann [...] sein[e] Bequemlichkeit und [ein] gutes Leben [hat], das in Europa nur den ganz Reichen möglich ist. Fast jeder hat 1 Auto, auch Arbeiter, es ist billiger als bei uns. Und obwohl ich mir denke, dass die Sehnsucht nach Europa hier nie ganz verschwinden kann, dürfte es einem schwer fallen, wenn man einmal hier gelebt hat, zurückzukehren [...]" (Br. v. 13. VI. 1922). Sehr genau gestalten sich auch ihre Beobachtungen der amerikanischen Mentalität und der eigenen wie der Schwierigkeit ihres Mannes, mit dieser umzugehen: "Karli fühlt sich hier ausserordentlich wohl und ist in manchen Äußerlichkeiten schon amerikanisiert; innerlich wird [er] es nie werden, ebensowenig wie ich [...] Der wirkliche Am[erikaner] ist für uns ein absolut fremder Mensch, daß wir ihm nie innerlich näher kommen dürften [...]" (ebd.). Ähnliches klingt auch in einem Brief ihres Gatten an: "Gesellschaftlich verkehren wir nicht sehr viel [...], da uns die anderen Leute nicht besonders interessant vorkommen [...] Amerika selbst ist, je mehr wir es kennen lernen, nicht sympathischer geworden. Die Demokratie ist nur eine Phrase. Immer wieder staunen wir darüber wie vollkommen alles an der Oberfläche klebt [...] Den Leuten genügt zur Befriedigung ihres geistigen Bedürfnisses die Sonntagspredigt in der Kirche, welche sich keineswegs mit Religion beschäftigt sondern mit actuellen Tagesfragen und die Zeitung [...]" (Br. v. 30. V. 1923). - Die Zukunft Europas nach dem Ersten Weltkrieg ("Das große Unrecht das heute an den Deutschen begangen wird, die Selbstzerstörung Europa's regt die öffentliche Meinung hier weniger auf als das letzte Baseballspiel oder der letzte Ehescheidungsskandal", heißt es etwa unterm 23. III. 1923 in einem Brief Gertys) aber auch die eigene berufliche Zukunft sind neben der Darstellung ihrer beider Forschungsarbeit wiederkehrende Themen: "Gerty schrieb vor einigen Tagen eine Karte", berichtet Carl Ferdinand seinem Vater unterm 4. III. 1940, "in der sie erwähnte, daß ich in die National Academy of Science gewählt wurde. Diese besteht aus weniger als 300 Mitgliedern und es ist daher eine große Ehre für die ich diesem Lande sehr dankbar bin [...]". - Die Würdigung, die der Arbeit des großen Forscherehepaars und namentlich Gerty Theresa Cori im Dictionary of Scientific Biography widerfährt, hebt die Bedeutung ihres Lebenswerks für die Forschung in deutlicher Weise hervor: "In subsequent work Gerty Cori used the enzymes involved in the biological cleavage of glycogen as tools for the chemical definition of its molecular structure. This was achieved in 1952, almost exactly 100 years after the discovery of glycogen by Claude Bernard [...] Gerty Cori's work thus demonstrated the central importance of the isolation and characterization of individual enzymes, both for the structural definition of the macromolecules on which they act and for the understanding of dysfunctions of metabolic processes in which these enzymes participate" (Bd. III, 416). - Die zahlreichen Beilagen umfassen neben Briefdurchschlägen Carl Isidor Coris (die auf anschauliche Weise die Schwierigkeiten der ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg beschreiben) zahlreiche Briefe und Postkarten von tls. namhaften Forscherpersönlichkeiten und Fachkollegen wie Karl Amersbach (geb. 1884, Prof. f. HNO-Kunde und Direktor der HNO-Klinik der Medizinischen Akademie Düsseldorf), Otto Grosser (1873-1951, Anatom), Ferdinand Pax (1885-1950, Professor für Zoologie und Direktor des Bremer Instituts für Meeresforschung), Bruno Pittioni (geb. 1905, Naturhistoriker), Ernst Georg Pringsheim (1881-1970, Bakteriologe und Pflanzenphysiologe) oder Oswald Richter (1878-1950, Naturwissenschaftler). - Weiters findet sich hier ein Typoskript (Durchschlag, dat. 30. XI. 1948) "Hervorragende amerikanische Chemiker" von E. Descovich, das von der Verleihung der Garven Goldmedaille der American Chemical Society an Gerty Theresa Cori berichtet und eine knappe biographische Darstellung der Wissenschaftlerin enthält.
  ¶ Cori, Carl Ferdinand, and Gerty Theresa Radnitz Cori, in: American National Biography, vol. 5 (New York, 1999), pp. 513-514.
 

In meine Auswahl

Mit Briefen von Oskar Werner und Ingeborg Bachmann
3 Haeusserman, Ernst, Schauspieler und Theaterdirektor (1916-1984). Nachlaß bestehend aus Werkmanuskripten bzw. -typoskripten, Briefen von und an EH bzw. seine Witwe, zahlreichen Lebensdokumenten und umfangreichen Sammlungen sowie dem Teilnachlaß des Vaters Reinhold Häussermann. Verschiedene Orte, ca. 1890-1983.
  € 25.000
"Mit Haeusserman [...] starb [...] ein Teil von Wien", schrieb Rolf Hochhuth in seinem Nachruf in der "Weltwoche", und wahrlich ging mit dem Ableben des großen Theatermannes ein letztes, glanzvolles Stück österreichischer Theatergeschichte zu Ende, das 1954 begonnen hatte. Schon zuvor und bereits als Gymnasiast auf die Bretter des Akademietheaters tretend, war Haeusserman seit den dreißiger Jahren als jugendlicher Held zum Liebling des Publikums avanciert, mußte seine Karriere jedoch nach dem Anschluß an das Deutsche Reich beenden und setzte sie in den USA als persönlicher Assistent Max Reinhardts hinter den Kulissen fort. Nach Ende des Krieges als US-Programmdirektor des Senders Rot-Weiß-Rot in Salzburg und als Leiter der Film-, Theater- und Musikabteilung der US-Botschaft in Wien tätig - wo ihm das amerikanisch geführte Kosmos-Theater ebenso unterstand wie das US Wandertheater -, übernahm Haeusserman schließlich 1954 zusammen mit Franz Stoß die Leitung des Theaters in der Josefstadt. Von 1959-68 dem Burgtheater und von 1977 bis 1984 neuerlich dem Theater in der Josefstadt und den angeschlossenen Kammerspielen sowie dem Kleinen Theater im Konzerthaus als Direktor vorstehend, gelangten während dieser ungemein produktiven Jahre 533 Stücke von 295 Autoren zur Aufführung. Mit ihm als Theaterchef, so Hochhuth, ging eine Ära zu Ende, als er "der Letzte seiner Generation überhaupt, nicht nur in Österreich [war]", der "noch jenen Dichtern die Treue hielt [...], die mit Max Reinhardt, Haeussermanns entscheidendem Lehrherrn [...], einst die Bretter betreten hatten". - Haeussermans umfangreicher Nachlaß enthält neben 317 SS. Werkmanuskripten bzw. -typoskripten und 45 SS. eh. Briefen rund 3680 SS. Briefe an ihn, u. a. von so prominenten Zeitgenossen wie Rosa Albach-Retty, Ingeborg Bachmann, Albert Bassermann, Hedwig Bleibtreu, Franz Theodor Csokor, Ernst Deutsch, Richard Eybner, Adrienne Gessner, Nora Gregor, Friedrich Hacker, Marte Harell, Mirko Jelusich, Oscar Karlweis, Fritz Klingenbeck, Leopoldine Konstantin, Alexander Lernet-Holenia, Wolfgang Liebeneiner, Fred Liewehr, Ernst Lothar, Lilly Marberg, Fritz Molden, Lothar Müthel, Susi Nicoletti, Marcel Prawy, Géza von Radványi, Gottfried Reinhardt, Hermann Röbbeling, Adolf Rott, Robert Stolz, Hans und Helene Thimig, Hilde Wagener, Oskar Werner, Else Wohlgemuth und Carl Zuckmayer; zu Haeussermans Ableben kondolierten seiner Witwe Susi Nicoletti auf 224 SS. u. a. Senta Berger, Maria Bill, Gertrude Fröhlich-Sandner, Paul Hubschmid, Friedrich Kayssler, Marthe Keller, Rudolf Kirchschläger (beiliegend die ms. Abschrift der Rede des Bundespräsidenten zum Anlaß der Eröffnung der Salzburger Festspiele 1984), Erni Kniepert-Fellerer, Cissy Kraner, Gustav Kropatschek, Erwin Lanc, Ingrid Leodolter, Conrad H. Lester, Ernst Wolfram Marboe, Fritz Marsch, Peter Matic, Kitty Mattern, Federik Mirdita, Heinz Moog, Herbert Moritz, Klaudia Nagy, Brigitte Neumeister, Romuald Pekny, Gisela Prossnitz, Harry Reich-Ebner, Gottfried Reinhardt, Georg Robor, Sieghardt Rupp, Günther Schneider-Siemssen, Walter Schuppich, Dany Sigel, Marietta Torberg, Siegfried Trebitsch, Michael Verhoeven, Eberhard Waechter, Senta Wengraf, Oskar Werner, Guido Wieland und Hugo Wiener. - Abgerundet wird diese umfangreiche Korrespondenzsammlung durch 46 Bll. Briefe Dritter an Dritte sowie durch 83 Bll. Korrespondenz mit der Kosmopol-Film und 50 Bll. mit dem Kosmos Theater. - An Lebensdokumenten finden sich 601 Bll., die vom Geburtsschein bis zu den letzten verliehenen Auszeichnungen das gesamte umfangreiche Werk des großen Theatermannes ebenso wie rund 276 Photographien dokumentieren. Zudem versammelt der vorliegende Nachlaß rund 140 Bll. Dokumente von und zu Max Reinhardt, dem Haeusserman 1939-43 assistierte. Zuletzt enthält der Nachlaß 583 Bll. diverser Materialien: Zeitungsausschnitte, Typoskripte Dritter, Geburtstagsgaben, Programmzettel u. a. sowie Bücher, Tonbandkassetten und diverse Kleinodien. - Nicht minder inhaltsreich ist der Teilnachlaß von Ernst Haeussermans Vater, des Burgschauspielers Reinhold (1884-1947), in dem sich rund 275 Bll. Briefe an ihn ebenso finden wie 267 Bll. diverse Lebenszeugnisse, 163 (Portrait- und Rollen-)Photographien, photographischen Postkarten und Momentaufnahmen, Notizbücher und -zettel, Portraitaufnahmen und Reden von Zeitgenossen wie Rosa Albach-Retty, Hedwig Bleibtreu, Eugen Schmalenbach oder Otto Tressler. - Detaillierte Verlistung auf Anfrage.
  ¶ Vgl. E. Haeusserman. Der Weg war schon das Ziel. Chiffre für das Unverwechselbare. München 1978.
 

In meine Auswahl

Die Anfänge der berühmtesten Glasfabrikationsfirma der Donaumonarchie
4 Lobmeyr. Korrespondenzarchiv aus der Frühzeit der bedeutenden Glasfabrikationsfirma, insgesamt 296 eigenhändige Briefe m. U. an den Firmengründer Josef Lobmeyr (bis 1855) und an seine Söhne Josef jun. und Ludwig umfassend. Großteils mit Eingangsvermerken der Firma. Einige Beilagen (darunter ein Brief von Ludwig Lobmeyr). Zusammen 526 SS. Verschiedene Orte, 1837-1891.
  € 12.000
Das vorliegende Archiv dokumentiert eindrucksvoll die Frühzeit des Unternehmens sowie den raschen Aufstieg der Firma zum ersten Glasfabrikanten und -lieferanten der Donaumonarchie. Das Schaffen und die Person Ludwig Lobmeyrs war erst jüngst im Blickpunkt wissenschaftlichen Interesses, wie seine mehrfache Würdigung auf der Ausstellung "Kunst und Industrie - Die Anfänge des Museums für angewandte Kunst in Wien" (31. Mai-17. September 2000) zeigte. - Die überregionale Bedeutung des angesehenen und für die Reform der Glasindustrie zum selbständigen Kunstgewerbe richtungsweisenden Unternehmens ist nicht nur an der Korrespondenz Lobmeyrs mit den jeweiligen Weltausstellungskommissionen (erstmals 1850), sondern auch an den Absendern der zahlreichen uns vorliegenden Schreiben ersichtlich, unter denen nicht bloß nahezu alle namhaften Geschlechter Altösterreichs vertreten sind: die Ursprungsorte der detaillierten Bestellungen gehen weit über die Erbländer der österreichischen Monarchie hinaus. So liefen nicht nur Briefe aus allen europäischen Metropolen wie London, Brüssel, Stockholm, Lissabon und Florenz sowie den Städten St. Petersburg, Moskau und Konstantinopel in Wien ein. Selbst aus Mexiko und China schrieb man an den schon damals auf der Kärntner Straße ansässigen K. K. Hoflieferanten. Ihre erste, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts andauernde Blütezeit erlebte die Glaserzeugung Lobmeyr nach der Übernahme des Geschäftes durch die beiden Söhne Josef jun. und Ludwig. Aus ebendieser Zeit des Umbruchs und der geschäftlichen Neupositionierung des Unternehmens datiert der Großteil der hier überlieferten Schreiben (1855-1880). Die beiden Brüder "vernichteten, um ihre Kunden für eine moderne Stilrichtung zu gewinnen, das ges. Biedermeier-Warenlager ihres Vaters; die neue Firmenphilosophie, eine konsequente Unterstützung der Avantgarde, brachte Erfolg. 1862 stellten die Brüder Lobmeyr [...] auf der Londoner Weltausstellung außergewöhnl. Trinkservice aus geschliffenem u. graviertem Glas aus" (Czeike IV, 80). Bezug auf ebendiese Weltausstellung nehmen einige Schreiben von Wilhelm Schwarz, dem Leiter der kais. königl. österreichischen Ausstellungskommission. Ab 1864 war Ludwig Lobmeyr Alleininhaber. Zwei Einzelausstellungen im k. k. österreichischen Museum für Kunst und Industrie, dem heutigen Museum für angewandte Kunst, zu dessen Kurator Ludwig Lobmeyr 1874 ernannt wurde, verhalfen der Firma zu weiterem Ruhm, wie aus einem begeisterten Pressebericht zu ersehen ist: "Es ist ein vollergiltiger Beweis der außerordentlichen Entwicklung, die ein Zweig der Kunst-Industrie durch die Thatkraft und Genialität eines einzelnen Mannes gewinnen kann" (Die Presse, 6. 4. 1879, S. 8). Jacob von Falke konstatierte in seinen Lebenserinnerungen, daß "Lobmayer heute, vom künstlerischen Standpunkt aus betrachtet, als der erste Glasindustrielle der Welt dasteht, dem weder England, am wenigsten Frankreich einen gleichen an die Seite setzen könnte" (Leipzig 1897. S. 209f.). So verwundert es auch nicht, daß Lobmeyr beispielsweise mit der Anfertigung der Luster für die an Prunk kaum überbietbaren Lustschlösser des bayerischen Königs Ludwig II. beauftragt wurde und er diese Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit löste, wie Briefe des königlichen Oberbaudirektors, Georg v. Dollmann (1830-1895, zur Biographie vgl. Thieme/Becker IX, 395) zeigen: Ein neu gelieferter Luster für Schloß Herrenchiemsee "ist herrlich, so richtig im Styl und großartig im Effekt, daß es eine Freude ist, ihn zu betrachten". - Detaillierte Verlistung der Schreiben auf Anfrage.
  ¶ U. Scholda & P. Noever, J. & L. Lobmeyr. Between Tradition and Innovation: Nineteenth-Century Glassware from the MAK collection (Munich, 2006).
 

In meine Auswahl

Testament und Portrait Ferenc Nádasdys im Familienarchiv Sermage
5 Nádasdy, Ferenc Graf Fogáras, Oberster Kronrichter Ungarns, Buchdrucker, Historiker und Verschwörer (1625-1671). Sammlung von Familiendokumenten aus dem Besitz der Grafen Sermage von Szomszedvár, Nachkommen des ungarischen Verschwörers Ferenc Nádasdy, darunter dessen letztwillige Verfügung in einer von Maria Theresia eigenhändig vidierten Abschrift. Verschiedene Orte, um 1660-1830. 6 kaiserliche Urkunden für Mitglieder der Familien Nádasdy und Sermage (von Franz Josef I., Franz I., Maria Theresia, Ferdinand I. und Ferdinand II.), 4 Portraitminiaturen, einige Photographien und Wappenminiaturen.
  € 12.000
Ferenc Nádasdy, Nachkomme des gleichnamigen "Schwarzen Ritters" (1555-1604), der sich unter Rudolf II. als General im Kampf gegen die Türken hervorgetan hatte, jedoch vor allem durch die beispiellose Grausamkeit seiner siebenbürgischen Ehefrau in die Geschichte eingangen ist (zuletzt T. Thorne: Countess Dracula. London 1998), war oberster Kronrichter Ungarns. Als einer der vier Hauptinitiatoren der sogenannten Wesselényi-Verschwörung wurde er am 30. April 1671 im Wiener Stadthaus enthauptet. In Geheimverhandlungen hatten sich die Verschwörer zuvor um die Unterstützung Frankreichs und der Türkei im Kampf gegen Kaiser Leopold I. bemüht; durch ihre Festsetzung des ungarischen Statthalters Graf Rüdiger von Starhemberg eskalierte der Konflikt schließlich. Erst Nádasdys Befreiungsversuch von der österreichischen Herrschaft und dessen Niederschlagung war ausschlaggebend für die Errichtung des absolutistischen und repressiven Habsburgerregimes in Ungarn (vgl. Encyclopaedia Britannica, s. v. "Wesselény Conspiracy"). - Nádasdys beträchtliches Vermögen wurde zunächst von der Krone eingezogen, jedoch soll der Kaiser selbst dieses später einigen von dessen Söhnen zurückgegeben haben. Auch von der durch den Kaiser verfügten Änderung des Namens der Söhne ist man "abgekommen [...], denn sie bekleideten später unter ihrem wahren Namen hohe kirchliche und weltliche Würden" (Wurzbach XX, 16). Schöner Beleg für die ununterbrochene Verehrung des hingerichteten Vaters ist eine hübsche Elfenbeinminiatur von Ferenc Nádasdy, die bis ins 19. Jhs. als Erinnerungsbild innerhalb der Familie tradiert wurde, worüber das Begleitschreiben von Nádasdys Urenkelin an ihren Sohn, den Dichter und Ministerialen Karl Johann Peter Graf Sermage von Szomszedvár (1792-1851) Aufschluß gibt. Die 19seitige, für Joseph Graf Nádasdy angefertigte Urkunde in Libellform bringt den Text mehrerer die Familie betreffender Testamente und Fideikomissinstrumente und ist von Maria Theresia eigenh. beglaubigt sowie mit dem kaiserlichen Siegel versehen; die Gegenzeichnung stammt von Graf Nikolaus Palffy. Die Miniaturen der Nachkommen Nádasdys von den bekanntesten Portraitisten ihrer Zeit wie Wenzel Schránil (1821-84) und Georg Koberwein (1820-76) zeugen von der Wiedererlangung der herausragenden gesellschaftlichen Stellung dieser Familie im 19. Jahrhundert. - Detaillierte Verlistung auf Anfrage.
  ¶ Vgl. Claudia Ham, Graf Franz III. Nádasdy. Held oder Rebell (Wien 1991).
 

In meine Auswahl

Unausgewertete Quellensammlung zur Erziehung von Napoleons Sohn in Wien
6 Napoleon II. Franz Josef Karl, König von Rom, Herzog von Reichstadt, einziger Sohn von Napoléon Bonaparte und Marie-Louise (1811-1832). Sammlung von Briefen, Erinnerungen und sonstigen Dokumenten aus dem Besitz seines Erziehers Johann Baptist von Foresti, darunter eigenh. Briefe u. Manuskripte des Herzogs selbst, mehrere Schreiben von dessen Mutter Marie Louise sowie eigenh. Aufzeichnungen Forestis über die Erziehung des Herzogs. Versch. Orte, 1815 bis ca. 1843. Zus. 125 Bll. Versch. Formate. Beiliegend eine Locke des Herzogs und eine gepreßte Blume, die er seinem Erzieher bei ihrer letzten gemeinsamen Spazierfahrt zum Geschenk machte. Einliegend in politierter Holzkassette (um 1850) aus dem Besitz der Familie v. Foresti.
  € 28.000
Die vorliegenden, aus dem Besitz von Johann Baptist von Foresti (1776-1849) stammenden Dokumente sind durchwegs unveröffentlicht. Sie betreffen auschließlich dessen ihm 1815 anvertrauten Schützling und umfassen Briefe, Schulmitschriften, Verträge, Notiz- und Albumblätter, Erinnerungen u. v. m. Der zeitliche Bogen spannt sich von jenem Brief, mit dem Foresti im September 1815 im Namen von des Herzogs Mutter Marie Louise aufgefordert wird, sich zwecks einer ersten Begegnung mit seinem Zögling nach Schönbrunn zu verfügen, über die oben erwähnte Blume, die der Herzog seinem Lehrer bei ihrer letzten Ausfahrt überreicht hatte, bis zu bisher unausgewerteten Quellen zum tragisch frühen Ableben des Herzogs. Vom Herzog von Reichstadt selbst finden sich hier ein eh. Brief mit U. (dat. Laxenburg, 26. Juni 1827; mittig durchgerissen) und ein eh. Briefentwurf sowie 12 Briefe aus den Jahren 1826-1831 in zeitgenöss. Abschriften (zus. 14 Bll.), 2 eh. Schulmitschriften aus dem Sprach- und Geschichtsunterricht (zus. 5 Bll.) und 4 wohl von fremder Hand stammende Bögen zu den Gebieten "Befestigung und Erfindung des Geschützes", "Definition und Abtheilung der Befestigungskunst", Mathematik und Geographie (zus. 8 Bll.); von des Herzogs Mutter Marie Louise finden sich 6 (davon 5 eh.) Briefe mit eh. U. aus den Jahren 1830-1843 sowie ein Dienstvertrag mit eh. U. aus dem Jahre 1816, einer in Abschrift aus der Vorjahr sowie eine Abschrift des letzteren samt einer Übersetzung vom Französischen ins Deutsche aus dem Jahre 1849 (zus. 18 Bll.). Von Foresti, dem nach dem frühen Tod seines Schülers die Sichtung von dessen schriftlichem Nachlaß anvertraut wurde, finden sich 1 eh. Notizblatt, 1 eh. Albumblatt und 7 eh. Briefe (zus. 14 Bll.), in denen er u. a. über die letzte Nacht im Leben des Erzherzogs und über dessen Beisetzung berichtet: "[...] Er war schon in den letzten Wochen seiner Krankheit so abgemagert und abgedorrt, daß er einem uralten Manne gleich sah. Ich erschrack als ich einige Tage früher in sein Schlafgemach tratt, und er mir - auf seinem Sopha sitzend - mit vieler Mühe die Hand reichte. Am Abende vor seinem Tode war er äußerst unruhig. Dieses vermehrte, wie natürlich, die Aufmerksamkeit seiner Umgebungen. Nach Mitternacht wurde es mit ihm stürmischer: es wurde ihm alles zu enge, zu beklemmend [...]" (a. d. Brief v. 26. VII. 1832). Zudem hielt Foresti seine "Erinnerungen aus der Zeit meiner Anstellung bei dem Herzoge von Reichstadt" fest, die, nach dessen Tod verfaßt, von 1815 bis ins Jahr 1836 reichen und ergänzt werden durch verschiedene Notizen und Brieffragmente, deren Gegenstand gleichfalls der Herzog ist (zus. 9 Bll.). - Weiters enthält die vorliegende Sammlung 21 meist eh. Briefe (zus. 41 Bll.) von Adam Adalbert Graf von Neipperg (1775-1829), der nach Napoleons Tod 1821 zum Stiefvater des Herzogs werden sollte, und 7 meist eh. Briefe (zus. 14 Bll.) von Moritz Graf Dietrichstein (1775-1864), der neben Foresti und Matthäus von Collin (1779-1824) gleichfalls die Erziehung und Bildung des jungen Herzogs besorgte. - Briefe des frühverstorbenen Herzogs von Reichstadt sind ebenso wie Originalquellen zu seiner Biographie im Handel von größter Seltenheit: nur ein Nachweis auf dt. Auktionen der letzten Jahrzehnte (Stargardt, 22. III. 2006, Nr. 1122, EUR 3400 für einen zweiseitigen Brief desselben); zwei weitere bei Sotheby's London in den Jahren 1979 bzw. 1980.
  ¶ A. Castelot, King of Rome: A Biography of Napoleon's Tragic Son (New York, 1960).
 

In meine Auswahl

Unveröffentlichte Künstlerbriefe mit 170 Aquarellen und Zeichnungen
7 Orlik, Emil, Maler, Graphiker und Kunstgewerbler (1870-1932). Sammlung von 197 eigenh. Briefen, (Brief-)Gedichten, Postkarten und Billetts. Verschiedene Orte, 1917 bis 1923. Zusammen 468¼ SS. auf 261 Bll. Mit ca. 170 Illustrationen, meist Aquarelle oder Federzeichnungen, 3 montierten Photographien und 1 Vignette. Verschiedene Formate. Alt einmontiert in ein mit Seidenweberei bezogenes Album mit Brokatbordüre auf dem Vorderdeckel. Gr.-4to.
  € 12.000
Inhaltsreiche Sammlung von Liebesbriefen an seine "liebste Ollyne", d. i. Olga von Bayer-Ehrenberg, die sich häufig in Budapest oder in verschiedenen Kurorten Österreich-Ungarns aufhielt. In den u. a. in Berlin, Brest-Litowsk, Kagel, Kissingen, Kloster auf Hiddensee, Kopenhagen, Krefeld, Kreuth, Luckow, Prag, Stuttgart und Sülze verfaßten Briefen nimmt Orlik vielfach Bezug auf sein Schaffen. So berichtet er etwa unterm 12. I. 1918 aus Brest-Litowsk, wo er als offizieller Portraitmaler der deutschen Regierung an den deutsch-russischen Friedensverhandlungen teilgenommen hatte: "[...] Eine solche seltene Arbeit, eine solche seltene Zeit, solche Erlebnisse wie die großen Sitzungen sind etwas Außergewöhnliches, selbst für einen Menschen der genug gesehen hat. Heute bin ich wieder beim Prinzen Leopold. Das Portrait wird glaube ich sehr gut. [J]etzt habe ich dreissig Bildnisse gezeichnet. Ermesse diese Arbeitsleistung. ich werde aufs Beste behandelt, die Verpflegung ist ausgezeichnet. [N]ur die Wohnung etwas primitiv [...]" (am Kopf eine große lavierte Federzeichnung, die Orlik auf einem Winterspaziergang in Brest-Litowsk zeigt). - "[...] Wir haben hier einige sehr bedeutsame Tage erlebt. Ich habe in den letzten Tagen über alle Kraft gearbeitet: ich glaube auch durch diese viele Arbeit manches gelernt zu haben und hoffe endlich das Gelernte baldigst an meinem liebsten Modell versuchen zu können [...]" (ebd., 5. II. 1918). - "[...] Dann war ich aber gestern den ganzen Tag außerhalb des Ateliers in der General Probe im Deutschen Theater: es wurde das [M]olière-sche 'Bürger als Edelmann' in der Bearbeitung von Hoffmannsthal [!] mit der ganz entzückenden Musik von R. Strauß probiert, der auch selbst da war. Pallenberg Hauptrolle [...]" ([Berlin], 9. IV. 1918). - "[...] Gestern spät abends hier nach vierjähriger Abwesenheit angekommen [...] und schreibe diese Zeilen als Morgenbriefchen im Angesichte des alten Pulverthurms und finde dass ich anfange alt zu werden da Jugenderinnerungen so stark auf mich wirken [...] Am Dienstag abend hoffe ich wieder in Berlin zu sein: mir bangt etwas davor: vor all dem Wust von Arbeit der mich erwartet und der - Leere [...]" (Prag, 3. V. 1918; mit einer Federzeichnung der Prager Burg). - "[...] Die allgemeine erwartungsvolle Stimmung lässt keine Ruhe aufkommen; mein Atelier erscheint mir wie ein Keller - nach all der freien luftigen Bewegung in der ich jetzt lebte: dazu kommt [...] dass man nicht weiß welchem Ding man sich früher zuwenden soll, da noch genug unvollendet aus der Zeit vor der Abreise vorliegt: und der thätige künstlerische Drang treibt uns zu neuen Aufgaben, die zu lösen sind! Aber auch das wird überwunden werden und sitze ich erst vor meiner Arbeit, in sie eingelebt, so wird es wieder gehen. - Die Grippe, die in erschreckender Weise hier, wie überall grassiert droht natürlich einem Jeden [...] Trotzdem habe ich die letzte Stimmung aus Wien ziemlich überwunden, bin ruhiger geworden und suche ins gebaute Geleise hineinzukommen [...]" (ebd., 12. X. 1918). - "[...] Sonst kann ich nur sagen, dass Berlin geradezu scheußlich ist, besonders seit die Frauen auch Politik treiben und sogar Frau Zink von dergleichen schon früh morgens spricht. [I]ch wollte, ich wäre irgendwo auf dem Monde - mit Dir [...]" ([Berlin], 28. I. 1919). - Einige Briefe recht brachial einmontiert und daher z. T. auf den Verso-Seiten nicht vollständig lesbar, teils mit kleinen (vereinzelt stärkeren) Randschäden.
  ¶ E. Otto & B. Ahrens, Emil Orlik: Leben und Werk, 1870-1932 (Wien, 1997).
 

In meine Auswahl

Der diplomatische Korrespondenzsammlung eines "Sprachknaben"
8 Penkler, Heinrich Christoph Frh. von, kaiserlicher Diplomat im Osmanischen Reich (um 1700-1774). Sammlung von diplomatischer Korrespondenz, Hofdekreten, Erlässen, Ernennungen u. a. an Heinrich Frh. v. Penkler. Zumeist Wien, 1717-1767. 22 dienstliche Schreiben an Heinrich von Penkler, eines an den Botschafter Leopold von Talman; 12 an Heinrichs Bruder (?) Johann Karl Penkler; ferner 5 Schreiben in osmanischem Türkisch (eines verso zeitgenössisch übersetzt) sowie 4 Quittungen für H. v. Penkler und andere. Zus. 81 Bll., zumeist mit papiergedecktem Siegel, teils mit Kordel. Folio und groß-folio.
  € 18.000
Schöne Quellensammlung zur diplomatischen Tätigkeit des österreichischen Gesandten an der Osmanischen Pforte, Heinrich Christoph von Pen(c)k(h)ler. Penklers ganze Jugend fällt in die Zeit, da durch eine Serie von für Habsburg günstigen Siegen gegen die Türken sich der osmanische Osten für das Habsburgerreich zu öffnen begann. Geboren wurde Penkler 1699 oder 1700 in Wien, eben als dem Kaiser mit dem Frieden von Karlowitz die entscheidende Wende im Kräfteverhältnis zu den Osmanen gelang. Noch nicht volljährig, trat er im Jahre 1718 (als die Habsburger - nach einem abermaligen Türkenkrieg - im Frieden von Passarowitz große Gebietsgewinne im Osten erzielten) in kaiserliche Dienste und reiste nach einigen Vorbereitungsstudien schon 1719 als "Sprachknabe" mit dem österreichischen Gesandten ("Internuntius") nach Konstantinopel, um die orientalischen Sprachen zu erlernen - nachdem, wie es im hier erhaltenen Entsendungsschreiben heißt, "die Anzahl der vorhin gehabten Kays. Sprachknaben linguarum orientalium theillß durch Beförderung theillß auf andere weiß in einigen Abgang gerathen, Ihrer Kayß. Mayt. Dienste hingegen erheischet, absonderlich bey in dem lezteren Türckhenkrieg merckhlich erweitterten Gränitzen auch mit der Ottomanischen Porthen erreichten Commercij-Tractat widerumben neue Subiecta herzue zuzüglen, die sich in besagten Orientalischen Sprachen, und Gebräuchen gründlich unterrichten, und qualificiren" (16. III. 1719). Seit 1726 wirkte Penkler als Dolmetscher an der Pforte; "allen seit dem Abschlusse des Passarowitzer Friedens zwischen dem kaiserlichen und dem ottomanischen Hofe geführten Verhandlungen beigezogen, gewann er frühzeitig tiefe Einsicht in die Grundsätze und Triebfedern der türkischen Politik" (ADB XXV, 350). Danach fungierte er 13 Jahre als Hofdolmetscher und Sekretär "in Orientalicis" in Wien und begleitete darauf Internuntius Graf Uhlefeld als Hofkriegsratssekretär nach Konstantinopel. Mit der osmanischen Diplomatie eng vertraut, gelangen Penkler mehrere wichtige Interventionen im Interesse Habsburgs; unter anderem schaffte er es, das Osmanische Reich aus dem Österreichischen Erbfolgekrieg herauszuhalten. 1745 wurde Penkler - inzwischen in den Freiherrenstand erhoben - selbst zum Internuntius ernannt. "Nachdem er noch im J. 1766 die erfolgte Thronbesteigung Joseph II. dem Sultan notificiret hatte, erhielt er endlich die wiederholt erbetene Abberufung [...] Er brachte den Rest seines Lebens in Wien zu" (ADB XXV, 352). Sein Sohn war der Politiker Josef Frh. v. Penkler (1751-1830), den das ÖBL als "typischen Vertreter des konservativen Landadels im vormärzlichen Österreich" würdigt. - Die in der vorliegenden Sammlung erhaltenen Schreiben umfassen vornehmlich vom Hofkriegsrat (später von der Staatskanzlei) erlassene Dienstanweisungen (zum Umgang mit dem "Türkhischen Abgesandten Mustaffa Effendy"; zur Einsendung von Berichten; zur Übergabe diplomatischer Korrespondenz: "Die nebenliegende drey Türkhische Briefe seynd uns von dem Kayl. Herrn Residenten aus Constantinopel angeschlossen worden, mithin an Ihne Effendy und dessen Sequito sicher abzuliefern"; zur Begleitung verschiedener Diplomaten an die Grenze des osmanischen Reichs etc.). "Nachdem der Wiener Hof die Abberufung des zum Schutze des türkischen Handels und der türkischen Kaufleute in Wien bestellten Schahbenders oder Generalconsuls Omer Aga durch sechs Jahre vergeblich begehrt hatte, wußte es Penkler so einzuleiten, daß Omer Aga endlich abberufen und sein Posten aufgelassen wurde. Da die Pforte verlangte, daß Omer Aga mit allen Ehren bis an die Grenze geleitet werde, so machte sich Penkler im März 1732 abermals auf die Reise" (ADB XXV, 351). In unserem Konvolut findet sich so auch die entsprechende Dienstanweisung, es sei "resolvirt worden daß [Penkhler] den von der Ottomanischen Porten abgeruffenen dahier bishero gestandenen und dahin zurükh abfertigenden dero Consul Omer Aga bis an die Türkhische Granitz beglaithen, beobachten, und in all behöriger erfordernuß assistiren solle" (10. III. 1732). Ebenfalls erhalten ist die vom Hofkriegsratspräsidenten Gf. Harrach unterzeichnete Ernennung zum kaiserlichen Internuntius (17. VI. 1746), die von Penkler erbetene, von Gf. Cordova unterzeichnete Abberufung aus Konstantinopel (19. XII. 1755) sowie die Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rat (2. I. und 16. II. 1767). Die Schreiben stammen aus der Regierungszeit von Karl VI. (9) und Maria Theresia (13, deren 2 letzte schon in die Mitregentschaft Josephs II. fallen). Ebenfalls vorhanden sind mehrere Schriftstücke in osmanischem Türkisch mit kurzen lateinischen bzw. deutschen Inhaltsangaben. Während die meisten dieser Dokumente auf geglättetem türkischem Papier geschrieben sind (darunter zwei großformatige Fermane mit Tughra), ist eines davon auf europäischem Papier niedergeschrieben und trägt verso das mit 29. VI. 1724 datierte Konzept eines lateinischen "Schreibens des Prinzen Eugen von Savoyen an Osman Pascha von Nissa um ihm die schnelle Beförderung eines Curiers zu empfehlen". Es darf vermutet werden, daß die umseitige türkische Übersetzung aus der Hand Penklers stammt. Ein früheres Schriftstück (Fragment) dagegen stellt lt. Notiz ein "Schreiben des Großwesirs an P. Eugen beim Ausbruch des venez. Kriegs i. J. 1716" dar. Abgerundet wird die Sammlung durch mehrere Quittungen in Zusammenhang mit Penklers Tätigkeit, eine für Penkler ausgefertigte Kanzleicopia (mit Kordel und Papiersiegel) eines Schreibens des Hofkriegsrats an den kaiserlichen Botschafter Leopold v. Talman über die Friedensverhandlungen im Russisch-Österreichischen Türkenkrieg (4. X. 1738), sowie eine Sammlung von 12 Schreiben (1717-1730) des Kaiserlichen Hofkammerrats an Johann Karl Penkler, Raitt-Offizier bei der Hofbuchhaltung und wohl der ältere Bruder Heinrichs. Unter den Unterzeichnenden finden sich neben anderen: Anton Joseph v. Öttl, Ignaz Joseph Hefenstockh, August Thomas Frh. v. Wöber, Johann Philipp Gf. Harrach, Kaspar Gf. Cordova, Rudolph Fst. Colloredo, Georg v. Leykam, Heinrich Gabriel Frh. v. Collenbach, Pius Nikolaus v. Garelli, Johann Jakob Gober und Matthias Heinrich Pirckhert.
  ¶ Zu Penkler vgl. ADB XXV, 350ff. und Wurzbach XXI, 452ff.
 

In meine Auswahl

Teilnachlaß der Mätresse des Kaisers
9 Schratt, Katharina, Schauspielerin (1853-1940). Sammlung von Briefen, Karten, Telegrammen u. a. an die Schauspielerin von über 50 Verfassern, darunter Johann Strauß, Hans von Wilczek, Helene Odilon, Max Devrient, Hugo Thimig, Victor Tilgner, Wilhelmine Sandrock, Hansi Niese, Adam Müller, Müller-Guttenbrunn, Francis Saville, Franz Tewele u. a. Verschiedene Orte, 1885-1907. Zusammen 182 SS. auf 130 Bll. Verschiedene Formate.
  € 15.000
Korrespondenzsammlung aus dem Nachlaß der Katharina Schratt, die einen schönen Überblick über den gesellschaftlichen Umgang und die soziale Stellung der als Vorleserin der Kaiserin Elisabeth an den Hof gelangten und dann schließlich mit Franz Josef bekannt gewordenen Schauspielerin bietet. Wenngleich auch die an sie gerichteten Briefe durchwegs schon aus der Zeit ihres bekannt engen Verhältnisses zum Kaiser stammen, findet dieses hierin explizit natürlich nie Erwähnung. Auch über den Gegenstand der vom Walzerkönig Johann Strauß so überschwenglich gelobten Liebenswürdigkeit der Schratt kann daher nur spekuliert werden: "Von Ihrer Liebenswürdigkeit dermassen ausgezeichnet zu werden hat meine Wenigkeit in der so bescheidenen Form meiner Erinnerung wohl nicht verdient. Ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank. - Daß diese von Ihnen empfangene Stütze mich auf allen meinen Wegen begleiten wird, [ich] sie als kostbares Gut hoch in Ehren halten werde, dessen seien Sie gnädige Frau stets versichert [...]" (J. Strauß. Eigenh. Brief m. U. 2 SS. Wien, 25. XII. 1894). Besonderes Interesse verdient in diesem Zusammenhang das Schreiben Hans von Wilczeks an die Geliebte des Kaisers, gibt es doch wenn schon nicht Aufschluß, so doch zumindest Hinweis auf die enge Beziehung zwischen dem österreichischen Forschungsreisenden und der "lieben Kathi", wie Wilczek sie hier apostrophiert: "[...] Ich bin so viel als möglich von Wien fort - als ich aber gestern Abend 11 Uhr in die Herrengasse kam - sagte mir mein Portier daß gegen ½10 Uhr [...] telephonirt wurde. - Ich wollte aber nicht me[h]r anfragen da es 11 Uhr war - bitte um Verzeihung u. - nicht böse sein! Kann ich etwas thun? [...]". - Auch erfährt man, daß der seinerzeit geschätzte Dichter Adam Müller-Guttenbrunn eigens ein Stück für sie geschrieben hatte, das Lustspiel "Die lächelnde Gräfin": [...] Es ist selbstverständlich, daß ich bereit bin, eventuelle Wünsche bezüglich der Titelrolle jederzeit zu erfüllen. Auch muß der Hof, von dem die Gräfin kommt, nicht just der Wiener sein. Dadurch könnte das Stück vielleicht burgtheaterfähig werden. Niemand hat das Manuscript des Stückes gesehen, niemand weiß von seiner Existenz, es kam ganz jungfräulich in Ihre Hände [...]" (2. VI. 1905). - Von Helene Odilon, ihrer Schauspielkollegin, die als eine der ganz großen Darstellerinnen ihrer Zeit galt und nach einem Schlaganfall Ende d. J. 1903 ein so tragisches Schicksal erleiden sollte, findet sich ein verzweifelter Hilferuf an die Schratt: "Die Verzweiflung ließ in mir den Gedanken reifen, hochgeehrte Frau, Sie um Hilfe zur Erlangung meines [...] Menschenrechtes zu bitten. Ich flehe Sie um Rettung an! Retten Sie mich - ich flehe Sie an. Meine körperliche und seelische Leidensgeschichte ist zu lange. Mit zunehmender Besserung meines körperlichen Zustandes wuchs die seelische Marter der Curatel u. wurde zur Qual u. heute ist sie ein Gespenst, vor welchem ich in Todesangst zittere [...]" (Br. v. 25. XII. 1906, 6 SS.). - Abgerundet wird die Sammlung durch einige Ephemera aus dem ehemaligen Besitz Kathi Schratts, darunter Rechnungen und Einladungen sowie ein von ihr selbst ausgestellter Wechsel über 170 Gulden.
  ¶ Joan Haslip, The Emperor & the Actress: The Love Story of Emperor Franz Josef & Katharina Schratt (New York, 1982).
 

In meine Auswahl

500 unveröffentlichte Briefe
10 Thiess, Frank, Schriftsteller (1890-1977). Sammlung von 480 eigenh. Briefen, Brief-, Post- und Bildkarten sowie 2 Telegrammen an Yvonne Thiess (zusammen 1446 SS.) und 18 eh. bzw. ms. Briefen und Briefdurchschlägen an Dritte (zusammen 40 SS.). Beiliegend 44 eh. bzw. ms. Briefe verschiedener Verfasser an Frank (zusammen 100 SS.) und 54 eh. bzw. ms. Briefe bzw. Postkarten an Yvonne bzw. Irene Thiess (zusammen 81 SS.). Berlin, Bad Aussee, Bremen, Darmstadt, Hamburg, London, Wien u. a. O., 1918-1965.
  € 65.000
"Frank Thiess hat nie eine Zeit gekannt, in der er nicht umstritten war", heißt es in der von einem Widmungsgedicht Hermann Brochs ("Dem Freund Frank Thiess") eingeleiteten Festschrift zum 60. Geburtstag des Dichters (Frank Thiess. Werk und Dichter, S. 30). Gleich zu Beginn erfolgt dort der Hinweis auf die angeblich unstreitige Bedeutung des vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten so erfolgreichen Autors für die internationale Literaturgeschichte und auf den Erfolg seines in mehreren hunderttausend Exemplaren aufgelegten Werkes "Tsushima" (Wien 1937); auch die Aufnahme in Hemingways Anthologie "Men at War", in welcher Thiess einst aus naheliegenden Gründen als der "einzige in Deutschland lebende Autor" (S. 12) vertreten war, findet ausführliche Erwähnung. Schließlich kommt die Festschrift mit dem für eine monographische Veröffentlichung bereits eigenartig anmutenden Untertitel "32 Beiträge zur Problematik unserer Zeit" aber doch auch auf "jene bekannte Diskussion über die innere und äußere Emigration" (S.11f.) zu sprechen, den durchaus auch persönlich gepflegten Konflikt des "führenden Vertreters der inneren Emigration" (Killy XI, 333) mit Thomas Mann und den vom streitbaren Thiess so bezeichneten "Logen des Auslands". Wurden zwar auch die meisten von Thiess' Werken nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten beschlagnahmt bzw. deren weitere Veröffentlichung verboten, sein Verbleib in Deutschland, vor allem aber die offensive Rechtfertigung desselben beeinträchtigten in nicht unwesentlichem Maße seine Akzeptanz innerhalb der literarischen Nachkriegslandschaft. Die bereits anläßlich des Erscheinens der zitierten Festschrift für ihn reklamierte unstreitige Stellung innerhalb der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts blieb dem Autor, dessen Werk durch die zahlreichen Neuauflagen des Zsolnay Verlags zu großen Teilen präsent geblieben ist, letztendlich auf Grund ebendieser Diskussion bis heute verwehrt. - Der vorliegende Teilnachlaß aus dem Besitz von Yvonne Thiess, der zweiten Frau des Schriftstellers, beleuchtet v. a. dessen Rolle in den letzten Jahren des nationalsozialistischen Deutschlands sowie in der Nachkriegszeit bis 1965. In den knapp 500 Schreiben an seine um 22 Jahre jüngere Frau reflektiert er ausführlich über Leben und Schaffen. Während er sich in seinen Briefen vor 1945 mit der Unmöglichkeit, als Schriftsteller den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern, abzufinden scheint, treffen ihn die Schwierigkeiten der ersten Nachkriegsjahre unvermittelt und seiner Meinung nach auch zu Unrecht; literarische und gesellschaftspolitische Fehden mit anderen Autoren und Interessengruppen erschweren den Weg zur alten Publizität und den damit verbundenen Honoraren: "Ernst Jüngers 'Marmorklippen' sind in England und der Schweiz ein bestseller! Dabei hatte Jünger das Nazisystem geradezu vorbereitet und die tollsten Kriegsgedichte verfasst. Diese Entwicklung war vorauszusehen, da die Alliierten einerseits mit den Entnazifizierungen schwere psychologische Fehler gemacht, anderseits wieder Rücksichten genommen hatten, die einfach unverständlich sind. Ein Interview mit mir, das ein holländischer Journalist, der mich hier besuchte, verfasst hat, ist in holländischen Zeitungen mit Bild von mir erschienen und bezeichnet mich als führenden Gegner Thomas Manns, was natürlich ebenso falsch wie propagandistisch töricht ist. Man gerät, ohne etwas dafür zu tun, in Einstufungen, die idiotisch sind und wird für den Führer von Aktionen erklärt, die sich ohne eigenes Zutun ergeben haben [...]" (Brief vom 11. VI. 1948). Sich selbst dagegen verwahrend, ist der als "führender Gegner" apostrophierte und von der "Thomas Mann-Clique [...] zum Nazi [abgestempelte]" Autor (Brief vom 2. VII. 1948) dennoch genötigt, sich im Jahr darauf gegen den "bestialische[n] Angriff von Th. Mann" zu verteidigen (Brief vom 25. V. 1949). Seiner Gattin gegenüber sich beklagend ("Was hat der Alte für einen schiechen Charakter, er kann nicht aufhören zu hassen [...]", ebd.), zieht die Auseinandersetzung der beiden Autoren immer weitere Kreise. Neben Arbeit und privaten Auseinandersetzungen (Thiess wohnte zumindest einige Zeit lang gemeinsam mit seiner ersten Gattin Florence Apking zusammen, während Yvonne, seine zweite Frau, in Österreich geblieben war), neben offiziellen Veranstaltungen ("Ich armes Schwein habe heute um 11h noch die Justus v. Liebig-Feier und anschliessend ein Festessen mit dem Bundespräsidenten durchzuhalten [...]", Brief vom 12. V. 1953) und privaten Besuchen ("Kasimir Edschmid war zum Kaffee bei mir [...]", Brief vom 22. I. 1955) bleibt Thiess' Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit das Thema seiner Korrespondenz: "Ich habe hier gehört, dass Jannings, dieser widerlichste aller Nazis, Österreicher geworden sei und in Wien an irgend einem Theater spiele. Nun, überall bemerkt man ja die grossen Nazis wieder frech und selbstbewusst dahergehen, während die kleinen und harmlosen nicht wissen, wovon sie leben sollen. Jannings! Das wäre ja so ziemlich das Ärgste. Auch Gründgens war wieder Generalintendant der Staatstheater in Düsseldorf [...]" (Brief vom 2. III. 1948). Was Jannings so schnell erreicht hatte, strebte übrigens auch Thiess an. Der nach dem Krieg erhoffte "Ruf aus Österreich" kam aber erst 1954, da Thiess von Ernst Marboe als Kandidat für die Leitung des Wiener Burgtheaters in Erwägung gezogen, unglückseligerweise aber auch voreilig als solcher genannt wurde: "Es war wohl sehr gut, dass Du mir die Ernennung Rotts und Schreyvogls telegraphiertest, dadurch konnte ich sofort an die dpa nach Hamburg ein langes Telegramm schicken des Inhalts, dass ich schon vorher nach kurzen Verhandlungen mit der B.-Th. Verwaltung den mir angebotenen Posten abgelehnt hatte, ebenso ein Telegramm an Marboe [...] überall in deutschen Zeitungen fanden sich Notizen, dass ich mit andern zusammen für den B.-Th. Direktor kandidierte, die überraschende und über meinen Kopf hinweg erfolgte Nominierung Rotts wirkt daher so, als sei ich als Bewerber durchgefallen. Du siehst nun, was das für falsche Hunde in Wien sind und was ich dort zu erwarten gehabt hätte, würde ich wirklich dieses sorgenschwere Amt angetreten haben [...]" (Brief vom 2. VII. 1954). - War Thiess nach Ende des Krieges noch überzeugt, vielleicht schon bald wieder nach Österreich zurückkehren zu können, so wurden seine Remigrationspläne durch unergiebige Verhandlungen mit österreichischen wie deutschen Ämtern und Behörden zusehends ebenso verunmöglicht wie durch den fehlenden Buchmarkt und durch fehlende Kontakte ("Erwartest Du im Ernst vielleicht, dass ich hier alles stehen und liegen lasse und nach Wien ziehe, wo mir alle Beziehungen fehlen, denen ich hier die wirtschaftliche Basis unserer Existenz verdanke?", Brief vom 13. VIII. 1962). - Neben Thiess' Briefen an seine zweite Gattin enthält der vorliegende Teilnachlaß auch Korrespondenz mit Dritten (darunter Paul und Fritz Zsolnay), von dem leider ebenso gelten muß, was Thiess selbst für andere Memorabilia bedauerte: "dass nicht nur Bücher [...] verschwunden waren, sondern auch Manuskripte" (Brief vom 14. I. 1964). - Detaillierter Katalog des gesamten Bestandes auf Anfrage.
  ¶ Frank Thiess. Werk und Dichter. Hg. von R. Italiaander (Hamburg, 1950). Vgl. E. Hemingway, Men at War: The Best War Stories of all Times (New York, 1942). Y. Wolf, Frank Thiess und der Nationalsozialismus. Ein konservativer Revolutionär als Dissident (Tübingen, 2003).
 

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